Gerda, ich liebe dich

geschrieben von mormon | 30 Aug, 2008
oder der Geist des Elia ist auch für einfache Menschen
Mein Freund holte ein dickes, längliches weißes Buch hervor, das einen Tempel auf dem Einband eingeprägt hatte. „Das ist mein Buch der Erinnerung”, sagte er. Ich erkannte einige der Photos — Orson Pratt, George Q. Cannon, Woodruff, Beesley. Könige und Königinnen und Herzöge waren dort beschrieben. Nach den Stammbäumen kamen Seiten um Seiten von Biographien, Selbstbeschreibungen, Anekdoten, Erlebnisse bedeutender Pioniere und ihrer Frauen. Erinnerungen an die Freundschaft mit dem Propheten Joseph Smith. Ich war überwältigt. Als wir die Seiten umblätterten, beneidete ich ihn um seine Vergangenheit. Als Bekehrte teilte ich nur in gewissem Sinne das Erbe der Mormonen, d. h. von Momonenpionieren. Wohl war ich stolz darauf, als ich die Worte des Liedes „Kommt, Heil'ge kommt” lernte. Meine Vorfahren waren Bauern in irgendeinem Teil Europas gewesen. Es gab nichts Zauberhaftes über meine Herkunft.
„Linda, ich beneide dich!” sagte mein Freund. Das riß mich aus meinen selbstmitleidigen Träumen. Mein Freund schloß das Buch und fuhr fort: „Alle Arbeit, die hierin steckt, wurde von einem anderen geleistet. Alle Daten, Geschichten und Bilder wurden von einem Cousin 3. Grades in St. George, Utah, zusammengetragen. Aber du — du kannst völlig neu anfangen und alles für dich entdecken. Denke nur, wie nahe das dich deinen Müttern und Vätern bringen wird. Du wirst sie wirklich kennenlernen.”
Meine Väter und Mütter kennenlernen? Darüber hatte ich nie zuvor nachgedacht. Mütter und Väter müssen nicht berühmt oder königlich sein. Sie müssen nur zu mir gehören und ich zu ihnen. Ich bereute meinen Neid und eilte nach Hause vom Geiste des Elia erfüllt und mit einigen leeren Ahnentafeln in der Hand.
Ich füllte die Daten für meine Eltern und mich aus, aber hatte nicht alle Daten meiner Großeltern. Dann fielen mir einige alte Schachteln mit Familiendingen ein, die meine Mutter einmal erwähnt hatte. Im Keller des Hauses fand ich, zwischen alten Reifen und umgeben vom Staub und Geruch des 19. Jahrhunderts, zwei Zigarrenkisten. Ich hatte Schatzkisten gefunden! Ich setzte mich auf den kalten Beton, umgeben von Eisenwaren, Schläuchen und Schimmel, und begann, mich mit meinen Vorfahren bekannt zu machen. In diesen Kisten fand ich einen Zeitungsausschnitt mit der Todesanzeige meines Urgroßvaters aus dem Jahr 1907, die Meldekarte meines Großonkels aus Schweden im Jahre 1883, eine Locke von Großmutters goldenem Haar, einen Umschlag mit fünf Generationen von Namen meiner Vorfahren auf der Rückseite, eine Menge unbeschrifteter Photos, einige Briefe in schwedisch aus der Zeit, als mein Großvater in den 1860er Jahren um meine Großmuttter warb.
Ich sprach ein tränenreiches Dankgebet in diesem dunklen, muffigen Keller, und ich wußte, daß ich nicht allein war, als ich dort betete.
In den folgenden Monaten untersuchte ich diese Schätze. Ich bohrte bei meiner Mutter nach allem, was sie über ihre Familie noch wußte. Sie half mir, die Bilder zu beschriften und Verwandtschaftslinien einzuordnen. Ich informierte mich über alte schwedische Bräuche. Ich untersuchte alte Landkarten der Gebiete, wo meine Vorfahren herkamen. Ich hörte schwedische Volksmusik, und ich lernte sogar ein wenig Schwedisch. Ich lernte, was für Leute meine Vorfahren wirklich waren. Gerda — die Mutter meiner Mutter, eine einfühlsame, fleißige und schöne Krankenschwester; Carl Johans — der Bahnhofsvorsteher mit dem fließenden Bart, der Rat gab und Streit schlichtete wie ein Rechtsanwalt; Maria Christina — die robuste, stämmige, ergebene Frau Carl Johans, die eine eifrige Leserin der Bibel war; Agnes Sigrid Alfreda, die sich freiwillig den ersten Versuchsimpfungen gegen Kinderlähmung unterzog und unglücklicherweise verkrüppelte, und mein lieber Ururgroßvater Anders, der 1880 schrieb: „Wenn der Herr mir die Gesundheit gewährt und ich Euch willkommen bin, werde ich zu Euch reisen mitsamt meiner Angelausrüstung und dem Material für Holzschuhe.” Ich liebte sie, als wären sie lebende Menschen; meine Eltern.
Die Ahnentafeln waren allerdings noch leer. Es war nun Zeit, die Daten und Orte, die ich hatte, für die stellvertretende Arbeit zu sichten. Streifen um Streifen von mikroverfilmten Geburtsurkunden zog an meinen Augen vorbei. Nach anderthalb Tagen mit falschen Angaben, falschen Landkreisen, falschen Städten, falschen Jahren und einer einsetzenden Übelkeit vor dem Mikrofilm-Lesegerät stieß ich auf einige vertraute Namen: „Gerda Regina, 22 Mars. 1880, far Carl Johan Nilsson, mor Maria Christina Andersdotter.” Ich hatte die Geburtsurkunde meiner Großmutter gefunden! Wieder sprach ich ein Dankgebet. Wieder wußte ich, daß ich nicht allein war.
Nach etlichen weiteren falschen Filmen und vielen Stunden Suchens hatte ich neue Namen gesammelt, um alle Namen zu überprüfen, die ich gesammelt hatte. Jetzt konnte ich die Anträge ausfüllen, sie prüfen lassen und sie nach Salt Lake City schicken, um Sie bearbeiten zu lassen.
Während ich weiter an der Erforschung meiner Vorfahren arbeite, fällt mir ein Ausspruch des amerikanischen Staatsmannes Daniel Webster (1782—1852) ein:
„Wenn wir unseren Vorfahren nahe sind, indem wir ihrem Beispiel folgen, ihren Charakter kennenlernen; indem wir an dem teilhaben, was sie bewegt hat, und ihren Geist in uns aufnehmen, sie bei ihren schweren Arbeiten begleiten, ihnen in ihrem Leiden Trost spenden und mit ihnen in ihren Erfolgen und Triumphen jauchzen, verbinden wir unsere Existenz mit ihrer, und wir scheinen zum gleichen Jahrhundert zu gehören. Wir werden ihre Zeitgenossen; leben das Leben, das sie gelebt haben, erleiden, was sie erlitten, und haben Teil am Lohn dessen sie sich erfreuten.”
Wie großartig ist es doch für uns als Mitglieder der Kirche, unsere Vorfahren an dem Lohn teilhaben zu lassen, dessen wir uns erfreuen, nämlich der siegelnden Vollmacht des Priestertums. Ich weiß von der Göttlichkeit des Geistes des Elia, und ich kenne und liebe meine Mütter und Väter. Ich spürte ihre Gegenwart, als ich weiß gekleidet und naß dastand und für sie im Tempel getauft wurde und ein würdiger Mann immer und immer wieder die Worte sprach: „Schwester Linda Kay Hoffman, stellvertretend für die verstorbene . . . , beauftragt von Jesus Christus, taufe ich dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.” Ich habe auf heilige Weise erfahren, daß einige die stellvertretende Arbeit angenommen haben. Meine Mütter und Väter waren weder berühmt noch königlich, aber nun sind sie für alle Ewigkeit mein, und ich gehöre zu ihnen.
Linda K Hoffmann, März 1977