Dreihundert Pergamentrollen

geschrieben von mormon | 2 Mai, 2008
„Laßt die Toten ewige Lobeshymnen auf den König Immanuel anstimmen, der ... das verordnet hat, was uns befähigt, sie aus ihrem Gefängnis zu erlösen.” (LuB 128:22,)

Ich war in Barcelona gewesen, um die Angaben durchzusehen, die ein Vorfahr meines Mannes aus dem 18. Jahrhundert gesammelt hatte. Mein Mann ist übrigens kein Mitglied. Ich hatte fast zweihundert Namen zusammen, die hauptsächlich aus Tagebüchern in Katalanisch, meiner Muttersprache, stammten. Ich wußte, daß die Familie meines Mannes darüber hinaus noch ungefähr dreihundert Pergamentrollen mit genealogischen Angaben besaß, die aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammten und alle in lateinischer Sprache verfaßt waren.
Aus familiären Gründen konnte ich nur sehr kurz bleiben, um das lateinische Material durchzusehen, aber ich konnte die Schrift nicht entziffern. Ich hatte auch kein Geld, um Fotokopien zu machen, und deshalb und wegen der kurz bemessenen Zeit sprach ich mit einer Freundin darüber, daß ich mir Sorgen um die Seele der Betreffenden machte, die nun noch länger darauf warten müßten, daß die Arbeit für sie getan werde.
Meine Freundin schlug vor, ich solle mir einen Priestertumssegen geben lassen. Das tat ich auch, nachdem ich vorher gefastet hat, und ich spürte, wie mir der Segen geistig Kraft gab. Aber die gewaltige Aufgabe machte mir noch immer Angst, und deshalb legte ich. die Schriftrollen noch eine Weile beiseite.
Schließlich, als ich nur noch eine Woche Zeit für die Übersetzung hatte, kniete ich nieder und flehte um Hilfe. Wenn es der Wille des Herrn sei, so betete ich, dann solle er es mir doch ermöglichen, ein Werkzeug in seiner Hand zu sein und mitzuhelfen, diese Menschen aus dem Gefängnis wurde es einfacher; ich las immer schneller, Irgendwie fand ich auch die Abgeschiedenheit, die ich brauchte, und obwohl ich fast jede Nacht durcharbeitete und nur wenig schlief, war ich nicht müde. Mir war, als spürte ich die Gegenwart derjenigen, für die ich arbeitete, und das gab mir den geistigen Ansporn, den ich so dringend brauchte.
Ich stellte fest, daß Ratten im Laufe der Jahrhunderte an den Rollen genagt und einige Angaben weggefressen hatten. Aber fast immer fand ich fehlende Angaben an einer anderen Stelle der Dokumente. Wenn ich vergessen hatte, etwas aufzuschreiben, spürte ich, daß ich die Pergamentrolle noch einmal lesen mußte. Wenn ich sie entrollte, sprang mir die fehlende Angabe direkt in die Augen. Immer wenn die Übersetzung schwierig wurde, betete ich aufrichtig um Hilfe, und diese Hilfe wurde mir auch jedesmal zuteil.

Ich beendete die Übersetzung innerhalb von vier Tagen, kurz vor meiner Abreise. Die Angaben, die ich zusammengetragen hatte, reichten bis ins Jahr 1212 zurück. Ich hatte keine Engel und keine Vision gesehen, aber ich hatte trotzdem jeden Tag ein Wunder erlebt – ein Wunder, das so natürlich war wie der Sonnenaufgang.
Ich werde dein himmlischen Vater immer dankbar dafür sein, daß er mir geholfen hat. Jetzt ist mein Zeugnis, daß der Geist des Elija in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zu finden ist, fester denn je, und dieser Geist ermöglicht es uns, die Toten aus ihrem Gefängnis zu erlösen. Ich weiß. daß die Gefangenen durch diesen Geist freigelassen werden (siehe LuB 128:22,).
Mariona Washburn,, November 1990