Durch den Schleier
geschrieben von mormon | 27 Feb, 2008In meinem letzten Schuljahr im Gymnasium hatte ich eines Tages plötzlich das Gefühl. mein Großvater wolle mich sehen. Als die Schule aus war, nahm ich mir ein Ringbuch mit und ging zu Onkel Jacob Cline hinüber. bei dem Großvater seit Großmutters Tod wohnte. Als ich ankam, saß Großvater aufrecht in seinem Bett. „Komm herein. Ray”. sagte er. „Ich habe schon auf dich gewartet.“
Er wollte mir seine Familiengeschichte erzählen. und ich sollte alles genau aufschreiben. In dem Moment wußte ich auch, warum ich mein Ringbuch mitgenommen hatte. Während der nächsten Stunde erzählte mein Großvater mir alles über seine Verwandte aus vier Generationen – Namen, Daten. Orte und Begebenheiten. Als er mir alles erzählt hatte, legte er mir seine Hand auf die Schulter und sagte sehr feierlich: „Ray, ich betraue dich mit der Aufgabe, all dieses Wissen aufzubewahren: eines Tages wirst du es brauchen. Und wenn der Tag kommt, wirst du meine Stimme hören und wissen, dass der Zeitpunkt gekommen ist, und du wirst wissen, warum ich dir all das erzählt habe.”
Es lief mir kalt über den Rücken, doch zugleich spürte ich, wie es mir ganz warm ums Herz wurde, während ich wie gebannt in die durchdringenden Augen meines Großvaters sah. Ich versprach ihm. alles. was ich aufgeschrieben hatte. aufzubewahren, auch wenn ich eigentlich gar nicht verstand, warum ich es tun sollte. Großvater starb zwei Wochen später.
Die Jahre vergingen, und ich besuchte eine Radar-Fachschule der amerikanischen Luftwaffe in Boloxi im Staate Mississippi. Einmal erwähnte einer meiner Lehrer, nämlich Norman M. Hale. bei einem Gespräch, daß er Mormone sei. Als ich abends im Bett lag, ging mir das Gespräch immer wieder durch den Kopf. Schließlich stand ich auf, zog mich an und ging zum Haus des Lehrers. Es war schon nach Mitternacht. Ich klopfte an und holte ihn mit folgender Begrüßung aus dem Bett: „Hallo, würden Sie mir wohl etwas über die Mormonenkirche erzählen?”
Hale und sein Freund, mit dem er zusammen wohnte, waren zusammen auf Mission gewesen. Sie verbrachten den Rest der Nacht damit, mir die Diskussionen zu geben. Als sie über Tempel, Genealogie und stellvertretende Arbeit für die Verstorbenen sprachen, vernahm ich eine Stimme, Großvaters Stimme, und wieder hörte ich, wie er mir feierlich meine Aufgabe anvertraut hatte. Es wurde mir warm ums Herz, und ich wußte, daß das, was ich gehört hatte, die Wahrheit war. In der kommenden Woche besuchte ich die Kirche der Heiligen der Letzten Tage zum ersten Mal. Im Oktober 1954 wurde ich dann getauft.
Meine Eltern waren über meine Taufe nicht gerade erfreut. Ich mußte meinem Vater sogar mein Wort gehen, daß ich ihm nie Mormonenlehre predigen würde. Es vergingen zehn Jahre. In dieser Zeit lernte ich eine junge Dame kennen, sprach mit ihr über das Evangelium, taufte sie und heiratete sie im Tempel in Idaho Falls. Obwohl wir aktive Mitglieder der Kirche waren, hielt ich mein Wort und verlor meinem Vater gegenüber all die Jahre hindurch niemals ein Wort über die Kirche.
Eines Tages sagte er schließlich zu mir: „Du wirst sie wirklich nie erwähnen?” Wir beide wußten, wovon er sprach. „Nein“, erwiderte ich.
„Würdest du mir denn wenigstens ein paar Fragen beantworten?“ fragte er. An seinen Fragen merkte man, daß er viel darüber nachgedacht hatte. Als ich seine Fragen beantwortet hatte, sagte ich nichts weiter. obwohl ich es ihm ansehen konnte, daß er gern noch mehr wissen wollte.
„Na los“. sagte er ungeduldig. „Willst du mir nicht noch ein bißchen mehr erzählen?“
„Nein”. antwortete ich. Dann war es lange Zeit still. Schließlich sagte ich: „Ich sehe, daß du viel über das Evangelium nachgedacht hast. Da wir uns so nahe stehen, wäre es wohl nicht so gut, wenn ich den Versuch machen würde, dich zu belehren. Aber ich kenne zwei nette junge Männer, die deine Fragen beantworten und dir mehr über das Evangelium erzählen können.”
„Ray, ich habe schon von den zwei netten jungen Männern gehört. Man stellt ihnen nur ein paar Fragen und im Handumdrehen ist man getauft.“
„Paß auf”, sagte ich. „Ich werde ihnen sagen, daß sie ihre Diskussionen hier als reine Information geben sollen. Wenn sie auch nur den leisesten Versuch unternehmen, dich zu irgend etwas zu drängen, werde ich sie selbst bitten, das Haus zu verlassen. Und wenn es dir nichts ausmacht, werde ich mir auch die Diskussionen anhören, um sicherzugehen, daß sie sich an die Abmachung halten.”
„Na gut“. sagte er. „aber wenn sie mich mit ihrer Taufe nicht in Ruhe lassen, werde ich sie vor die Tür setzen.“ Ich versicherte ihm, daß er zu nichts gedrängt werden würde. Am darauffolgenden Dienstagabend hörte ich mir mit meinen Eltern zusammen eine Diskussion an. Ich war angenehm überrascht, als mein Vater sagte, daß alles, was sie vorgetragen hätten, dem gesunden Menschenverstand entspräche, und daß er an das alles glaube. Nachdem meine Eltern die zweite Diskussion gehört hatten und mit allem einverstanden waren, taten die Missionare genau das, was sie nicht tun sollten, was ihnen jedoch der Geist eingab: Sie fragten meinen Vater. ob er sich taufen lassen wolle. Bevor ich überhaupt etwas sagen konnte. antwortete er bereits: „Ja. das möchte ich.” Auch Mutter wollte es. Dann machten sie noch Termine für die kommende Woche aus, um sich die anderen Diskussionen anzuhören.
Sonntags rief mich mein jüngster Bruder an. Er war in Tränen aufgelöst. Alles. was er herausbrachte, war: „Ray . . . Vater ist tot . . . Autounfall ...“ Ich mußte weinen, weil ich einen guten Freund, einen Vertrauten, Gefährten und Vater verloren hatte.
Ein Jahr darauf fuhren wir zum Tempel, um die Arbeit für meinen Vater zu tun. Während der Tempelsession, an der ich als sein Stellvertreter teilnahm, wußte ich durch das gute Gefühl, das ich dabei hatte, daß ich etwas tat, was mein Vater wirklich wollte.
Als wir uns im Siegelungszimmer, wo er an seine Eltern gesiegelt werden sollte, um den Altar knieten, spürte ich, wie ich von einer warmen Licht eingehüllt wurde. Ich wußte, der Geist meines Vaters war anwesend. Als ich den Tempelpräsidenten ansah, bemerkte ich, daß in seinen Augen Tränen standen. „Bruder Snelson“, sagte er zu mir. „erzählen sie mir etwas über ihren Vater.” Ich fing an ihm zu erzählen, wie sehr ich ihn liebte und wie nah ich mich ihm fühlte, da unterbrach er mich: „Nein, nein — wie sah er aus?“ Als ich ihn beschrieb. kam ein friedliches Lächeln in das Gesicht des Tempelpräsidenten.
Als die Siegelung vollzogen war, bat er alle außer mir, den Raum zu verlassen. Er nahm mich bei der Hand, und wir setzten uns nebeneinander. Zu dem Zeitpunkt standen uns bereits beiden die Tränen in den Augen, und hatte das Gefühl, als wäre der Raum elektrisch geladen. Der Tempelpräsident fragte mich: „Sie wissen es, nicht wahr?“
.,Ja“, sagte ich leise.
Er fügte hinzu: „Ihr Vater stand direkt hinter Ihnen.”
Wieder mußte ich weinen. aber dieses Mal vor Freude.
Ray J. Snelson, September 1983