Als der Herr mir die Augen öffnete

geschrieben von mormon | 20 Feb, 2008

Was für eine wunderschöne Geschichte, dachte ich, hielt inne und hob den Blick. Ich hatte in 2 Könige 6 gelesen, wo es um den Propheten Elischa geht.

Israel führte gerade Krieg gegen die Aramäer, und der König von Aram ließ ein Heer zur Stadt Dotan marschieren, das Elischa gefangen nehmen sollte. Als Elischas Diener merkte, dass die Stadt von aramäischen Truppen umstellt war, rief er aus: ,Wehe, mein Herr, was sollen wir tun?" (Vers 15.)

„Fürchte dich nicht”, beruhigte Elischa ihn. „Bei uns sind mehr als hei ihnen.” (Vers 16.) Elischa bat den Herrn, seinem ängstlichen Diener die Augen zu öffnen. Und dann wurden dem Diener auf höchst dramatische Weise die Augen geöffnet, und er sah, dass der Berg, auf dem sie standen, „voll von feurigen Pferden und Wagen” war (siehe Vers 17).

Ich markierte die Verse schnell. Diese Geschichte gefiel mir ausnehmend gut, und ich dachte weiter darüber nach. Und eigentlich hoffte ich selbst auf eine ähnliche Kundgebung. Ich befasste mich gerade mit genealogischen Forschungen und war bei der Sammlung von Daten auf viele Schwierigkeiten gestoßen. Die meisten meiner Verwandten wussten kaum noch etwas über unsere Vorfahren, und ein großer Teil der Heirats- und Sterbeurkunden war vernichtet worden, als im Zweiten Weltkrieg Bomben auf die Philippinen fielen. Doch ich ließ mich nicht entmutigen und hoffte weiter auf irgendein beeindruckendes, dramatisches Ereignis. Ich hatte schon viele Leute erzählen hören, wie Gott ihnen bei der genealogischen Forschung bzw. der Tempelarbeit durch Träume und andere heilige Erlebnisse geholfen hatte, die Angaben ausfindig zu machen, die ihnen noch fehlten.

Dennoch erlebte ich beim Durchforsten alter Aufzeichnungen und beim Streifen über Friedhöfe kein Wunder. Ich hatte weder Träume, noch erschienen mir Besucher aus der Geisterwelt. Und trotzdem tat sich vor mir ein Weg auf. Als ich in der für unsere Region zuständigen Genealogie-Forschungsstelle war, ließ ein anderer Besucher einmal einen Mikrofilm draußen liegen. Als ich mir diesen Film anschaute, sah ich, dass er die Ergebnisse einer Volkszählung aus dem 19. Jahrhundert enthielt, die in meiner Heimatstadt stattgefunden hatte. Voller Begeisterung nahm ich zur Kenntnis, dass in den Aufzeichnungen Listen ganzer Familien vorhanden waren — mit allen Geburts- und Sterbedaten und der Angabe des Berufes. Wochenlang war ich nun damit beschäftigt, anhand dieses Mikrofilms meinen Stammbaum zu komplettieren. Schließlich hatte ich sechs Generationen väterlicherseits gefunden. Ich war überglücklich und zeigte das Ergebnis meiner Arbeit einer Verwandten. „Du bist erst halb so alt wie ich”, rief sie erstaunt, „und weißt trotzdem mehr über meinen Großvater als ich selbst!”

Aber noch lag eine weitere schwierige Aufgabe vor mir, denn ich wusste nur wenig über die Linie meiner Mutter. Ihre Eltern wohnen auf einer Insel ganz im Süden. Das ist ziemlich weit von uns entfernt, und ich hatte nicht genug Geld, um dorthin zu reisen.

Dann überraschte meine Mutter mich eines Tages mit der Ankündigung: „Dein Großvater möchte, dass wir alle zu einer Familienfeier nach Hause kommen:” ,Wann denn?", fragte ich fröhlich. „So bald wie möglich.”

Glücklicherweise bekamen wir das Geld für die Flugtickets zusammen. Auf der Familienfeier ergab sich für mich die Gelegenheit, von den Verwandten meiner Mutter viele Informationen zu sammeln. Umgehend reichte ich dann die Namen von 86 Vorfahren im Manila-Tempel ein. Meine Sammlung war zwar bescheiden im Vergleich mit manch anderer, aber ich war trotzdem sehr glücklich darüber.

An einem sonnigen Februarmorgen ging ich in den Manila-Tempel und ließ mich nacheinander für meine Vorfahren taufen. Als ich so im Taufecken stand, hatte ich die leise Hoffnung, meine Vorfahren sehen bzw. ihre Stimme hören zu können. Auch an den darauf folgenden Tagen ging ich in den Tempel, um meine Arbeit zu vollenden; dabei hoffte ich immer noch auf ein spektakuläres Erlebnis. Ich dachte, dass ich vielleicht von meinen Vorfahren träumen würde. Ich stellte mir vor, dass meinen Verwandten außerhalb der Kirche vielleicht das Herz erweicht würde und sie mehr über meine Forschungen wissen wollten. Es konnte ja sogar sein, dass sie sich zur Kirche bekehrten.

Aber nichts Derartiges geschah. Die Tage verflossen in der gewohnten Alltagsroutine. Ich war bestürzt und fragte mich: 'X bleiben die Segnungen des Herrn? Wo bleiben die Segnungen, die er denen verheißen hat, die mithelfen, die Toten zu erlösen? Ein paar Tage später ging ich abends wieder in den Tempel, um an einer Session teilzunehmen. Im Tempel schaute ich auf das stille Wasser im Taufbecken. Und plötzlich verstand ich etwas, was mir vorher nicht bewusst gewesen war. War das Recht, mich für meine Vorfahren taufen zulassen, nicht schon eine wundervolle Segnung an sich? Ich dachte an die vielen wertvollen Aufzeichnungen, auf die ich während meiner Forschungen gestoßen war. Hatte der Herr mir nicht den Weg bereitet? Hatte ich nicht mehr erreicht, als ich je zu hoffen gewagt hätte?

Da fiel mir die Schriftstelle aus dem Alten Testament wieder ein. Elischas Diener wurden die Augen geöffnet, und er sah das Heer des Herrn. Der Herr öffnete auch mir die Augen und ließ mich die Segnungen verstehen, die mir zuteil geworden waren. Als ich an jenem Abend wieder nach Hause ging, empfand ich nichts als Dankbarkeit.

Mir ist bewusst geworden: Wenn man seine geistigen Augen öffnet, dann merkt man, dass Segnungen nichts Dramatisches an sich haben müssen. Dann sieht man, wie sich die Liebe des Herrn kundgetan hat, und ist dankbar dafür. Zwar bin ich manchmal noch geneigt, dies zu vergessen, aber dann spreche ich das Gebet des Elischa: „Herr, öffne mir die Augen, damit ich sehe.”

Tayo M. Tuason